Michael Gerstlauer, 58, ist Oberarzt am Universitätsklinikum Augsburg in der Abteilung Kinderallergologie. Der Kinderarzt ist speziell weitergebildet für Allergologie und Lungenheilkunde. Beide Bereiche überlappen sich besonders bei Kindern häufig, da Allergien oft die Atemwege betreffen. Viele Patienten von Gerstlauer haben Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien und leiden mitunter an sogenannten Anaphylaxien, also allergischen Schocks.
WELT: Wie viele Kinder leiden etwa an einer Lebensmittelallergie, Herr Gerstlauer?
Gerstlauer: Mehr als zehn Prozent sind es sicher, die die Diagnose entweder von einem Kinderarzt oder von den Eltern in einer Selbstdiagnose gestellt bekommen haben. Wenn man genauer aufschlüsselt, sieht man, dass einige von ihnen nur eine Unverträglichkeit haben, die Juckreiz oder Übelkeit verursacht. Wenn man Lebensmittelprovokationen macht, also das Kind bestimmte Nahrung unter ärztlicher Aufsicht einnimmt, bestätigt sich eine tatsächliche Allergie bei etwa zwei bis drei Prozent der Kinder. Diese müssen das spezielle Lebensmittel dann tatsächlich vermeiden in Zukunft.
WELT: Ist das mehr als noch vor zehn Jahren?
Gerstlauer: Die Anzahl der Lebensmittelallergien steigt sicher. Es sind zudem neue Lebensmittel hinzugekommen, die Allergien auslösen. Früher waren Erdnüsse hauptsächlich allergieauslösend bei Kindergarten-Kindern. Heute reagieren die Kinder zum Beispiel auch auf Cashew-Nüsse, einfach weil sie häufiger im Ernährungsplan vorkommen. Auf Kuhmilch und Hühnerei haben Kinder schon immer reagiert, aber rund die Hälfte der Kinder entwickelt glücklicherweise im Laufe der Zeit eine Toleranz gegen diese beiden Lebensmittel, und die Symptome verwachsen sich.
WELT: Welche Symptome zeigen allergische Kinder?
Gerstlauer: Schwellungen, Juckreiz, Quaddeln am Körper, Erbrechen. In vielen Familien entsteht dann die große Angst, dass die nächste allergische Reaktion lebensbedrohlich sein könnte. Tatsächlich gibt es in schweren Fällen Symptome wie Atemnot oder sogar Herz-Kreislauf-Versagen, ein sogenannter anaphylaktischer Schock. Das ist eine Überreaktion des Immunsystems auf einen bestimmten Auslöser, bei der der Blutdruck so stark abfällt, dass die Organe drohen, nicht mehr versorgt zu werden.
Das Problem ist, dass die Angst davor eine Vermeidungshaltung hervorruft. Und dann bessert sich die Allergie nicht, weil viele Lebensmittel weggelassen werden. Das Kind müsste aber eigentlich kontrolliert die schwierigen Lebensmittel zu sich nehmen, um eine Toleranz zu entwickeln. Eine Erdnuss ist etwa kaum verwandt mit einer Haselnuss. Man spricht von „peanuts“, Erdnüssen, und „tree nuts“, Baumnüsse wie Hasel- oder Walnüsse. Wenn man zu viel vermeidet, steigt das Risiko, mehrere Allergien zu entwickeln.
WELT: Also durch Kontakt zu vielen verschiedenen Lebensmitteln sinkt das Risiko, Allergien zu entwickeln?
Gerstlauer: Unser Körper besitzt eigentlich eine Toleranz gegenüber fremden Eiweißen. Um die zu erhalten, brauchen wir aber eine gewisse Phase, wo der Körper regelmäßig Kontakt zu diesen Allergenen bekommt. Es gibt ein sogenanntes „window of opportunity“ innerhalb der ersten zwölf bis 18 Monate, da findet diese Prägung statt. Je später man die Allergien abtrainiert, desto hartnäckiger weigert sich der Körper.
WELT: Aber viele Babys bekommen in den ersten sechs Monaten nur Muttermilch?
Gerstlauer: Genau aus diesem Grund kritisieren wir auch die neue Leitlinie zum Stillen, nach der Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt werden sollen mit einer Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten. Um Allergien zu vermeiden, ist das frühe Zufüttern von Proteinen sinnvoll. Wir raten dazu, die Lebensmittel, die in der Familienernährung üblich sind, ab dem vierten Monat einzuführen.
WELT: Was führt – außer der Vermeidung von Lebensmitteln – zu Allergien?
Gerstlauer: Unser Immunsystem wird von den Darmbakterien geprägt, dem Mikrobiom. Es ist extrem anfällig für Schadstoffe, also etwa das Passivrauchen. Je weniger Rauchbelastung ein Kind einatmet, desto weniger Allergien entwickeln sich. Auch Feinstoffbelastungen können Allergien auslösen. Kinder, die nahe viel befahrener Straßen aufwachsen, haben ein größeres Risiko für Entzündungsreaktionen. Wenn nun in diesem Zusammenhang ein körperfremdes Eiweiß auf den Körper einwirkt, reagieren Botenstoffe darauf und signalisieren Gefahr, es kommt zu einer Abwehrreaktion und diese führt zu einer Allergie.
WELT: Wie behandeln Sie Kinder mit schweren Allergie-Symptomen?
Gerstlauer: Die Familien bekommen ein Notfallset; das wichtigste Medikament darin ist eine Spritze mit Adrenalin, die im Fall eines anaphylaktischen Schocks in den Oberschenkel gegeben wird. Viele Risikokinder bekommen zwei Pens, weil eine zweite Dosis nötig sein kann. Für Kinder, die in der Vergangenheit weniger schwer reagiert haben, reicht ein Antihistaminikum in Form von Tabletten aus der Apotheke.
WELT: Gibt es auch eine Möglichkeit, die Allergie an sich zu lindern, nicht nur die Symptome?
Gerstlauer: Es gibt die spezifische orale Toleranz-Induktion. Der Patient bekommt eine geringe Menge des allergieauslösenden Eiweißes in aufsteigender Dosierung, sodass das Immunsystem lernt, dass es immer mehr tolerieren kann. Je jünger die Kinder, desto besser funktioniert es. Aber das können Kinderärzte oft nicht anbieten, weil es viel Arbeit und viel Verantwortung ist für wenig Geld und bei hohem Risiko. Die Versorgungssituation für diese Kinder ist also leider sehr schwierig.
WELT: Was muss passieren, um die Behandlung zu verbessern?
Gerstlauer: In Kinderarztpraxen müsste eine Allergie-Provokation für unkomplizierte Fälle angeboten werden, also etwa das Essen eines Nutellabrotes unter ärztlicher Aufsicht zum Ausschluss einer möglichen Haselnussallergie. Für die schwierigeren Fälle brauchen wir mehr Plätze in den Kliniken. Bislang werden einfach nicht genug finanzielle Ressourcen bereitgestellt. Angesichts der jüngsten Reformen ist zu befürchten, dass die Anzahl der Betten, um allergiekranke Kinder zu behandeln, eher sinkt als steigt.
Politikredakteurin Freia Peters berichtet für WELT über Familien- und Gesellschaftspolitik sowie Bildung.
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